LinuxCon Japan 2015

Moritz und ich, wir haben es uns gegönnt und sind für eine Woche nach Tokyo geflogen. Dort haben wir der LinuxCon Japan einen Besuch abgestattet, bei der auch für uns einige interessante Themen dabei waren. Außerdem sind wir der Meinung, dass Tokyo eine großartige Stadt ist, die man mal gesehen haben muss.

So sind wir vergangene Woche Montag in den Flieger gestiegen und haben uns die Tortur angetan, über 16 Stunden in einen Flugzeugsitz eingeklemmt zu verbringen. Der Flug ging über Istanbul nach Tokyo Narita, den im Osten der Stadt gelegenen Flughafen. Zusammen mit der Zeitverschiebung sind wir erst am Abend des Dienstag angekommen, so dass wir uns auf eine Nudelsuppe und mehr noch auf ein Bett freuten. Aber die erste Attraktion der Stadt lag bereits auf dem Weg und war unausweichlich.

Tokyo Subway

Ikebukoro Station

Die U-Bahn verfügt über ein vielschichtiges Netz aus Linien, die die gesamte Stadt vernetzen und über zwei Hand voll Bahnhöfe jeden Ort leicht erreichbar machen. Wie effizient und schnell das im Gegensatz zu den öffentlichen Verkehrsmitteln in der Heimat gehen kann, wird uns staunenden Besuchern vorgeführt.

Die Tickets sind einfach per Distanz zu bezahlen, die man von einem aushängenden Linienplan ablesen kann. Sein Kleingeld kann man gleich haufenweise in den fixen Automaten darunter versenken, der unmittelbar ein kleines Ticket auswirft, welches man beim Durchgang zu den Gleisen im Vorbeigehen entwertet. Das passiert an einer Schranke, die immer offen steht und sich mit einem Piepen blitzartig verschließt, sobald jemand ohne Ticket passieren will. Ein Wärter passt auf, dass die Gäste sich brav daran halten und gibt bereitwillig Hilfe, wenn mal etwas nicht funktioniert wie man sich das vorgestellt hat.

Beim Verlassen der Station muss man wieder mit seinem entwerteten Ticket durch so eine Schranke, die dann einfach den wertlosen Schnipsel für sich behält. Wer kürzer oder länger gefahren ist als geplant, der kann an einem "Fee Adjustment"-Automaten das Finanzielle regeln. Niemand macht einem Stress, wenn das Ticket nicht passt. Man kann einfach Nachzahlen und selbst wenn man sein Ticket verloren hat, fordert der freundliche Schaffner lediglich den regulären Fahrpreis nach.

Das erinnert mich irgendwie an Uberspace, wo man auch einfach so alles nutzen kann und nur bei Problemen jemand von uns mal drüber guckt. Mit einem Knopfdruck ist man dabei, ohne Warten und ohne komplizierte Tarife. So macht U-Bahn fahren Spaß. Und es funktioniert für gefühlt eine Million Leute1 am Tag. Die Tokyo Subway schafft es, durch viele nebenläufige Prozesse ohne Blockaden und mit geringen Latenzen, Massen von Kunden zu bedienen; Züge transportieren im minutentakt Passagiere, die wohlgeordnet am Bahnsteig warten. Davon kann sich jeder Dienstleister hierzulande mal eine dicke Scheibe abschneiden.

Übrigens fahren die Menschen hier anscheinend allesamt mit der U-Bahn. Auf den Straßen sieht man fast gar keine Privatautos und außerdem recht viele Fahrräder. Die Kombo mit dem Bahnfahren scheint hier den Großteil der Fortbewegung auszumachen. Und weil Sonntag verkaufsoffen ist, wird kurzerhand die gesamte Straße für Kraftfahrzeuge gesperrt und tausende tummeln sich auf der Fahrbahn. Können wir das bitte auch in Düsseldorf und Bremen bekommen?

  1. Ich habe nachgeschaut: es sind 2,5 Millionen.

Unser Block

Shinjuku Crossing

Die Bahn brachte uns schnurstracks in das Viertel unseres Hotels: Shinjuku. Hier findet ein Großteil des Nachtlebens statt und zu jeder Uhrzeit sind die Straßen voller Menschen: Bars, Geschäfte und Restaurants konkurrieren miteinander mit der allgegenwärtigen Werbung um Aufmerksamkeit. Wir mussten einen Kilometer durch das Wirrwarr zurücklegen, um endlich das Hotel zu erreichen. Obwohl hundemüde, haben wir uns direkt wieder nach draußen begeben; denn ohne das Gefühl, angekommen zu sein, kann man nicht ins Bett gehen.

Wir haben uns in das nächstgelegene Restaurant gegangen und uns Ramen (Nudelsuppe) und Biru (Bier) bestellt. Die Edamame (gedämpfte Sojaschoten) gab es gratis dazu. Die Karte gab's ausnahmsweise auch auf Englisch, so dass wir nicht ganz hilflos vor den Kana (Schriftzeichen) saßen. Nur unsere vegetarische Suppe hat sich anhand von Tentakeln als eher so prescovegetarisch herausgestellt. Aber da habe ich mich mal durchgebissen, denn wir wollten ja ankommen und das geht durch den Verzehr des lokalen (Alien-)Essens bekanntlich besser.

Die Konferenz

LinuxCon Keynote

Am nächsten Morgen ging es auch schon los mit der Konferenz. Vom Jetlag gebeutelt haben wir es erst zum zweiten oder dritten Vortrag geschafft. Die Vormittage wurden durch Keynotes befüllt, die von den eher prominenten Rednern gegeben wurden.

Bereits auf der Hinfahrt kam mir der einzige andere Westler im Bus bereits sehr bekannt vor - mein schlechtes Gedächtnis für Gesichter konnte sich aber nicht mehr irren als er die Bühne betrat, um Container Management unter Systemd vorzustellen: Lennart Poettering. Container unter Linux müssen eben nicht immer mit Docker verwaltet werden und so interessiert mich dieser minimalistische Ansatz. Seit Lennart's Blog Artikel habe ich bereits ein wenig damit herumgespielt und ich bin gespannt auf die Zukunft dieser leichtgewichtigeren Alternative zur vollen Virtualisierung.

Die Konferenz vereinigte sich mit der CloudOpen Japan 2015 und so fanden viele Vorträge zu Freier Software in Cloud-Umgebungen statt. Dass das Konzept "Cloud" sich durchsetzen wird, daran mag man nicht mehr zweifeln und so fragen wir uns als klassischer Anbieter des Shared Hostings natürlich, wo die Reise für uns hingehen wird. Wir bieten unseren Usern bewusst keine virtualisierten Umgebungen an, weil sie einen Bedarf für Managed Hosting haben, aber für dedizirte Maschinen viel zu geringe Anforderungen anmelden. Wir glauben daran, dass das weiterhin gefragt sein wird, stellen aber gerade viel auf Automatisierung um, denn Skalierbarkeit ist wichtig. Daher interessierten uns noch einige Vorträge mehr im Programm; auch wenn sie teilweise recht schwierig zu verfolgen waren, denn die englische Aussprache einiger Vortragender war streckenweise kaum zu verarbeiten.

Automatisierungsjapan

Shibuya Crossing

Es zog uns an allen drei Tagen der Konferenz bereits sehr bald nach dem Mittagessen in die Straßen der Stadt, die Moritz und ich neugierig erforschten. Wir haben mehrere Viertel besucht, dort die Gegend erkundet und Essen gejagt. Für wenig Geld kann man in den Ramen-Restaurants satt werden: An einem Automaten vor der Tür bezahlt man und gibt das Ticket dem Koch. Zumeist gibt es im Schaufenster eine Präsentation von Plastiksimulationen der Speisen, so dass auch ohne Japanischkenntnisse klar wird, wo Schinken, Ei, Seetang, Reis, Soba-Nudeln, Pressfisch oder was auch immer enthalten ist. Wer ein Bier bestellt, darf dann zusehen, wie dies von einem Automaten gezapft wird. Automatisiert all die Dinge!

Wir kamen uns häufiger etwas underdressed vor, zwischen den ganzen Geschäftsmenschen, die während der Bahnfahrt anscheinend nur zwei Tätigkeiten kennen: Smartphone-Nutzung und Schlafen. Die meisten Japaner scheinen iPhones zu benutzen. Das hat uns verwundert, denn das schon immer in Elekronik fortschrittliche Land verfügt über viele Hersteller von Android-Geräten. Früher gab es hier mit i-mode bereits einen der ersten mobilen Zugänge zum Internet. Aber zu damaliger Zeit vertrieben sich die meisten hier noch die Bahnfahrten mit dem Lesen von Mangas. So ändert sich die Show.

Skyline

Um Tokyo nicht nur von unten anzuschauen, sind wir auch in zwei Hochhäuser gelaufen und bis ganz nach oben gefahren. Von dort konnten wir die Skyline betrachten, die so weit reicht, wie wir blicken konnten. Die Stadt erinnerte mich anfänglich an das ähnlich große Istanbul, das 14 Millionen Einwohnern beherbergt, dessen "Skyline" aber nur ein Drittel so hoch ist. In den meisten Häusern der Innenstadt Tokyos befinden sich auf mehreren Stockwerken Restaurants und Geschäfte. Die Auswahl ist unüberschaubar.

Natürlich haben wir die Einkaufszentren in Akihabara und Nakano besucht, wo Otakus und auch alle anderen Menschen hinfahren, um nach Unterhaltungslektronik, Action-Figuren, Mangas und Elektronik-Bausätzen zu stöbern. Arduino und ähnliche Microcontroller finden sich dort in Geschäften, wo man sie in allen Versionen mit Zubehör aus dem Regal ziehen kann. Technikaffine Menschen spielen eben gerne mit Elektronik und so ist dies in Japan eine etablierte Freizeitbeschäftigung. Ein Schild im Park verwies uns darauf, dass Drohnenflog hier verboten ist. Willkommen in der Zukunft.

Toyko Hackerspace

Kleiner Ausflug: Nach der #LinuxCon Japan haben wir unsere neuen Freunde vom @tkohackerspace besucht ✌️

Twitter image

@ubernauten, June 8, 2015

Das gilt auch für uns und so war es Pflicht, den lokalen Hackerspace aufzusuchen. Dieser ist gerade zum dritten Mal umgezogen, obwohl es ihr erst ein paar Jahre gibt. Erwartungsgemäß war es Mitch Altman, der mit einem Vortrag eine Gruppe Menschen zusammengebracht hat, die sich fortan regelmäßig traf, um sich sich über Technologie im allgemeinen auszutauschen und gemeinsam zu basteln, löten und zu programmieren.

Für die physischen Dinge gibt es eine Garage mit Werkzeug, Lasercutter und einem Haufen Elektronik zum Ausschlachten, darüber einen Raum mit Schreibtischen, Küchenecke, Beamer und einem Haufen Menschen. Diese sind übrigens überzählig gar keine Japaner (der einzige anwesende Japaner hat das Foto im Tweet geschossen), sondern Europäer und Amerikaner, die sich hier zusammenfinden, um vor ihrem Alltag zu entfliehen. Denn sie fühlen sich schon ein bisschen ausgegrenzt, weil es in Japan nicht üblich zu sein scheint, einen offenen Austausch mit fremden Menschen zu pflegen.

Dafür sind wir schnell über alle möglichen Themen ins Gespräch gekommen. Wir erfuhren auch, dass man in Tokyo 100 Mbit/s und mehr per Glasfaser in die Wohnung bekommt. Das macht neidisch, auch wenn die Provider in Japan ebenso wenig IPv6 anbieten, wie die meisten hierzulande. Wir hätten den Hackerspace bereits früher besuchen sollen, denn einige Tokyo-Tipps hatten unsere neuen Freunde bereits, die wir gar nicht mehr ausprobieren konnten, denn am selben Abend noch ging es zurück.

Die Abreise

Die komfortable Fahrt zum Flughafen im Sky Train ging über in ein letztes Abendessen mit Sushi (kennt ihr) und Tempura (frittiertes Gemüse oder Fisch). Danach ging es wieder in die nervige Enge des Fliegers. Was auch nervt ist der Jetlag. Bei der Umstellung auf Japan war dieser noch zu ertragen; aber nach ein paar Tagen wieder zurück zu müssen, das findet der Körper nicht so lustig. Vermutlich war daher unser Support in den vergangenen Tagen etwas langsamer.

So war die Woche sehr schnell vorüber und wir blicken zurück in ein Wunderland, das uns bestimmt zu ein paar Zukunftsideen inspirieren wird.

Impressions Collage

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