Über Leistungsbereitschaft, oder: Ein bisschen mehr 24. Jahrhundert, bitte.

Ein jüngst in der SZ erschienenes Interview, das ein Kollege in unserem #random-Channel gepostet hatte, hat mich in den letzten Tagen gedanklich nicht mehr losgelassen. Es geht um die Frage der Leistungsbereitschaft von Arbeitnehmern, und dieses Thema treibt mich, der einerseits selbst Arbeitnehmer beschäftigt und der sich andererseits sich auch mit anderen Arbeitnehmern und Arbeitgebern austauscht, ohnehin häufig um.

In besagtem Interview lässt sich ein Headhunter, Herr Hansen, mit Aussagen wie diesen zitieren:

Wir konkurrieren längst mit Ländern und Märkten, in denen man nicht um 17 Uhr den Stift fallen lässt. Das Motto hierzulande ist: Was kann ich dafür, dass hier noch Arbeit liegt? Konkurriert das Unternehmen mit einer Firma, die in Asien sitzt, ist das ein Problem. Dort ist die Leistungsbereitschaft viel höher. Klar, wir können auf deutsche Wertarbeit stolz sein. Ich will auch keine Panik verbreiten. Aber ohne die notwendige Flexibilität werden wir langfristig nicht mithalten können.

Es mangelt auch nicht an der obligatorischen Beurteilung einer ganzen Generation, als wenn so etwas jemals korrekt oder gar gerecht gewesen wäre:

Die Arbeitnehmer, die in den 1980er Jahren und später geboren sind, leben nicht, um zu arbeiten. Sie wollen das Leben genießen.

Es handelt sich dabei wohlgemerkt nicht um eine wohlmeinende Beurteilung, sondern viel mehr um ein "Wie können die es wagen ..." - und mein Bauchgefühl ergänzt beim Lesen ein pikiertes "... Prioritäten in einer Art und Weise zu setzen, wie ich sie mir stets versagt habe". Ich kann mich nicht so recht des Eindrucks erwehren, dass Herr Hansen ein wenig, nun ja, angepisst wirkt, dass Arbeitnehmer heute vermehrt Ansprüche haben, die mir persönlich als absolut angemessen und zeitgemäß erscheinen, die Herr Hansen ihnen aber so gar nicht als vollkommen legitim zugestehen zu wollen scheint.

Sein Satz "Das Motto hierzulande ist: Was kann ich dafür, dass hier noch Arbeit liegt?" zeigt für mich auf bedenkliche Weise, dass Herr Hansen offenbar wenig Unterschied zwischen Unternehmern, die tatsächlich viele Risiken tragen (darunter auch jenes, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln, was indirekt auch den leistbaren Arbeitsumfang betrifft), und Arbeitnehmern macht, die sehr wohl einen Anspruch darauf haben, dass das Unternehmen ihren Workload im Blick hat, ihn priorisiert und sich darum sorgt, dass es seine Leute nicht "verbrennt". Wenn ein Arbeitnehmer am Ende seiner üblichen Arbeitszeit feststellt, dass da noch Arbeit liegt, dann ist das eben nicht automatisch seine Schuld, sondern kann genauso gut auch die Schuld des Unternehmens sein, dessen Vorstellung, was ein Mensch leisten kann, nun mit der Realität kollidiert. So oder so: Es ist brandgefährlich, Arbeitnehmer unter den Generalverdacht der mangelnden Leistungsbereitschaft zu stellen. Das verfehlt nicht nur oft den Kern des Problems; ich halte es auch für ausgesprochen unredlich.

Ein Blick nach Asien

Asien scheint also Herrn Hansens Referenzland zu sein, an dem wir uns orientieren, nein: messen lassen müssen. Dann schauen wir mal.

Es ist erst kurze Zeit her, seit ich über den Begriff des 996 working hour system gestolpert bin, mit dem das Prinzip bezeichnet wird, dass Arbeitnehmer der Firma ihre Arbeitszeit von 9 Uhr morgen bis 9 Uhr abends bereitstellen sollen, und das 6 Tage die Woche. Als einer der Verfechter dieses Prinzips gilt Jack Ma, Gründer des gigantischen chinesischen B2B-Marktplatzes Alibaba, der von pandaily damit zitiert wird, Angestellte von Alibaba sollten stolz darauf sein, die Ehre (sic!) zu haben, nach dem 996-System arbeiten zu dürfen (sic!).

Wie zu erwarten, formiert sich Widerstand, in erster Linie beim GitHub-Projekt 996.ICU (ICU: Intensive Care Unit, als erwartete Folge dieses Systems), und wie ebenfalls zu erwarten, wird der Zugriff auf dieses Projekt von chinesischen Browsern blockiert. Auch diese Form der Meinungsunterdrückung kann nebenbei maßgeblich dazu beitragen, Menschen von Erkenntnissen aus dem Bereich der Arbeitsgesundheit fernzuhalten und damit ein aus vollkommen anderen Interessen gespeistes Bild davon, was als üblich und erwartbar gelten kann, zu kreieren. Sollen wir uns bei der Gelegenheit vielleicht auch daran messen?

Die Forschung beschäftigt sich schon lange und intensiv mit der Frage, wieviel Arbeit ein Mensch erbringen kann, ohne dabei seine Gesundheit zu riskieren, und ich bin ausgesprochen froh, dass wir hierzulande zumindest auf dem Papier den Arbeitnehmerschutz und die Arbeitnehmergesundheit sehr hoch ansiedeln - auch wenn die Realität manchmal anders aussieht (dazu voraussichtlich in Kürze mehr). Just eben erst wurde eine Studie veröffentlicht, die Gründe aufzeigt, warum Arbeitnehmer ab 40 Jahren nur 30 Stunden die Woche arbeiten sollten. Unternehmen experimentieren mit einer generellen 25-Stunden-Woche. Das alles liest sich vielversprechend, wenn es darum geht, auch noch ein Leben außerhalb der Arbeit haben zu können - ein Ziel, das ich für durchaus wünschenswert halte.

Was ist zu tun?

Und plötzlich kommt da ein Herr Hansen um die Ecke, und ich fühle mich in die 80er Jahre zurückversetzt, wenn er ernsthaft fordert, eine Leistungsbereitschaft an den Tag zu legen, mit der wir mit Asien konkurrieren können - als wolle er uns ein gepflegtes "Jetzt stellt euch mal nicht so an" entgegenrufen, nach dem Motto: Mich selbst hat's doch auch nicht umgebracht. Nun, ich persönlich kenne diverse Menschen, die schon mit weniger als "996" nur knapp am Burnout entlanggeschrammt sind, und ich bin offen gesagt ein wenig fassungslos, wie man angesichts der offenkundigen Gesundheitsschädlichkeit und angesichts aktueller Forschungsergebnisse ohne weitere Reflektion empfehlen kann, tatsächlich den Wettbewerb um Leistungsbereitschaft ins Feld zu führen, mit Sätzen wie diesem:

In Firmen wie einer Unternehmensberatung hört man nicht auf zu arbeiten, wenn es dunkel wird.

Work-life-Balance? Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Ich weiß nicht, ob diese Themenfelder an Herrn Hansen mal vorbeigeschrammt sind, oder ob sich hinter seinen Aussagen vielleicht die Vorstellung verbirgt, dass Mama eben bei den Kindern bleibt, während Papa einem Beruf nachgeht, bei dem es regelmäßig "etwas später wird" und den Kindern maximal per Videoanruf Gute Nacht gesagt wird.

Ich hatte eigentlich gehofft, dass wir da inzwischen in großer gesellschaftlicher Breite mal weiter wären.

Es ist eben nicht schon alles ganz okay

Überhaupt lässt mich ein Gedanke nicht so ganz los: Dass manche Menschen offenbar der Vorstellung anheim fallen, dass von Menschen zwecks Lebensunterhalt abzuleistende Arbeit in irgendeiner definierten Menge vorliegen würde, so wie eine natürliche Ressource, die irgendwann abgebaut ist. Anders kann ich mir nicht erklären, woher solche Gedankengänge kommen, die ich ein wenig flapsig als "Wir müssen hier dringend mehr arbeiten, sonst kommt am Ende der Asiate und wir sind hier alle arbeitslos" lese.

Nicht nur, dass wir Menschen ständig Technologien erfinden, die ganze Berufsfelder verschwinden lassen und dafür neue Berufsfelder entstehen lassen (die aber nicht mehr von den gleichen Leuten abgedeckt werden können). Nicht nur, dass die Zahl der Menschen auf diesem Planeten sich erheblich verändert, und damit auch der Faktor, der die Nachfrage nach der Ressource Arbeitangebot repräsentiert. Nicht nur, dass die Lohnungerechtigkeiten schon innerhalb unseres eigenen Landes erheblich sind, auch wenn wir uns endlich zumindest schon mal auf einen schmalen Mindestlohn verständigen konnten (und auch da kennt vermutlich jeder mehrere Beispiele von Arbeitgebern, die sich dann doch irgendwie drumherum mogeln). Nicht nur, dass wir gleichzeitig einzelne Menschen mit einem unfassbaren Vermögen ausstatten (und damit meine ich jetzt weniger Lottogewinner, sondern vielmehr jene, deren Tätigkeit sich als "Star" zusammenfassen lässt) und jenes Vermögen praktisch überhaupt gar nicht mit einem definierten Umfang von Arbeit korreliert. Nicht nur, dass Viele hierzulande weiterhin noch von einer Vollbeschäftigung fantasieren, als sei es heute noch ein üblicher und regelmäßig auch möglicher Lebensweg, einen Beruf zu erlernen, jenem ein Leben lang nachzugehen und damit genug zu verdienen, um eine Familie zu ernähren und sich ein zu Lebzeiten abbezahltes Eigenheim für eben jene Familie zu finanzieren, kostendeckende Rente inklusive (ich persönlich kenne nur wenige, deren Lebensläufe sich so darstellen).

Nein, vor allem bin ich konsterniert, wie sehr Menschen an der Vorstellung zu kleben scheinen, dass unser Wirtschaftssystem ja im Großen und Ganzen schon ganz in Ordnung sei, und dass Globalisierungsfolgen wie eben ein Leistungswettbewerb mit Mitspielern, die ganz andere Werte vertreten als wir, offensichtlich schlicht hinzunehmen sind, so nach dem Motto, hmja, da haben wir vielleicht nicht so ganz genau nachgedacht, bevor wir mal mit dem globalen Wettbewerb angefangen haben, aber herrje, jetzt sind wir mittendrin, jetzt müssen wir auch mitmachen. Alternativlos! Sorry, aber wenn hier jemand mit 996 kommt, da können wir doch nicht einfach sagen, oh, dann müssen wir das jetzt wohl auch tun.

Konstruktiv unzufrieden

Was man, so finde ich, in dieser Situation sagen sollte: Heilige Scheiße, dieser internationale Wettbewerb mit Menschen in anderen Ländern, in anderen Regierungsformen, in anderen Wirtschaftssystemen, mit anderen Lebensverhältnissen ... der ist ja ruinös für Umwelt und Mensch - da müssen wir uns dringend mal was überlegen, wie wir da am Besten rauskommen! Ein fairer Wettbewerb - und ich bin ohnehin nicht davon überzeugt, dass "Wettbewerb" das einzige oder gar das geeignetste Mittel ist, Menschen zu den besten Versionen ihrer selbst zu machen - ist vor allem anderen nur dann möglich, wenn auch alle Teilnehmer nach den gleichen Regeln spielen. Mit einem Land mit ganz anderer Kostenstruktur, anderem Sozialsystem und vor allem auch anderen ethischen Vorstellungen sollten wir uns nicht vergleichen. Und wenn wir es "müssen", dann läuft etwas falsch.

Im Bereich der Science Fiction treffen wir auf Autoren, die ihre optimistischeren Vorstellungen mit uns teilen, beispielsweise in der Folge 1x26 "Die neutrale Zone" aus Star Trek - The Next Generation. Finanzmakler Offenhouse, der sich im 20. Jahrhundert hat einfrieren lassen, wird in einer Zukunft aufgeweckt, die sehr zu seiner Überraschung nicht dazu geführt hat, dass ihn sein Aktienportfolio in der Zwischenzeit unfassbar reich gemacht hätte. Data klärt ihn darüber auf, dass es Geld - und somit auch Aktien - nicht mehr gibt. Die Quintessenz des Ganzen findet sich in diesem einen Satz, den Picard an Offenhouse richtet:

Picard: Sie haben noch gar nichts begriffen. In den letzten drei Jahrhunderten hat sich unglaublich viel verändert. Es ist für die Menschen nicht länger wichtig, große Reichtümer zu besitzen. Wir haben den Hunger eliminiert, die Not, die Notwendigkeit, reich zu sein. Die Menschheit ist erwachsen geworden.

Und schließlich führt Picard noch diesen abschließenden Dialog, kurz bevor Offenhouse und seine Begleiter zurück zur Erde gebracht werden sollen:

Offenhouse: Was wird dann mit uns geschehen? Mein Vermögen gibt es nicht mehr. Ich stehe vor dem Nichts. Was soll ich machen? Wie werde ich leben?

Picard: Wir sind im 24. Jahrhundert! Materielle Nöte existieren nicht.

Offenhouse: Was hat man dann noch für ein Ziel?

Picard: Das werde ich Ihnen sagen, Mister Offenhouse. Sie können sich weiterentwickeln, ihr Wissen vergrößern. Das ist ein Ziel!

Nun sind Science-Fiction-Autoren praktischerweise davon befreit, ihre Ideen mit detaillierten Machbarkeitsstudien untermauern zu müssen. Nichtsdestotrotz täten wir gut daran, uns wenigstens zeitweise von ihrem Optimismus und ihrer Weitsicht anstecken zu lassen, statt unser heutiges System der Wirtschaft und der Arbeit gleich eines Naturgesetzes oder gar einer göttlichen Stiftung zu behandeln. Wir selbst haben uns das ausgedacht, um nicht zu sagen: Eingebrockt. Es ist auch an uns, es so weiterzuentwickeln, dass es uns Menschen dient.

Aus meiner Sicht sollten wir dazu alle ein bisschen mehr Picard sein. Und ein bisschen weniger Headhunter Hansen.

Über Leistungsbereitschaft, oder: Ein bisschen mehr 24. Jahrhundert, bitte.
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